Journalistische Autonomie auf Plattformen
Journalistische Autonomie auf Plattformen
Die Dissertation erforscht, wie algorithmische Empfehlungssysteme redaktionelle Entscheidungen in der Klimaberichterstattung beeinflussen. Ziel ist es, journalistische Autonomie zu sichern und Handlungsempfehlungen für den Umgang mit Metriken in der Praxis zu entwickeln.
| Promovierende: | Vanessa Kokoschka |
| Betreuende: | Prof. Dr. Lars Rademacher, Prof. Dr. Kawa Nazemi |
| Dauer: | 12/2022 bis 06/2026 |
Der Klimawandel als systemische Herausforderung betrifft alle Bereiche unserer Gesellschaft. Um den Prozess der nachhaltigen Entwicklung kommunikativ zu begleiten, kommt dem Klimajournalismus eine entscheidende Rolle zu: Er verfügt über die notwendigen Instrumente, Methoden und Strategien, um Komplexität zu reduzieren, zu kommunizieren und Öffentlichkeit herzustellen (Bonfadelli / Schäfer 2017: 317).
Gleichzeitig erfolgt der Nachrichtenkonsum – insbesondere bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen – immer stärker über kommerzielle Plattformen wie soziale Netzwerke (Newman et al. 2024). Infolgedessen sind klimajournalistische Formate entstanden, die ausschließlich für und auf Social-Media-Plattformen produziert, verbreitet und rezipiert werden. Redaktionen müssen sich dafür allerdings an den algorithmischen Empfehlungssystemen sowie Logiken der Plattformen orientieren, um Reichweite zu erzielen. Diese algorithmischen Vorgaben können die gesamte journalistische Wertschöpfungskette betreffen und stärken gleichzeitig die Position der Plattformen. Dies kann zu einem Spannungs- und Abhängigkeitsverhältnis von Redaktionen zu Plattformanbietern führen und stellen die journalistische Autonomie vor Herausforderungen (Eichler 2022; Lamot & Paulussen 2020; Lischka 2021).
Forschungsfragen
Aus der beschrieben Problemstellung ergeben sich folgende Forschungsfragen:
- Welchen Einfluss haben die von den Plattformen eingesetzten Metriken auf redaktionelle Entscheidungen im Klimajournalismus?
- Wie werden klimajournalistische Inhalte in der Produktion und für die Distribution auf Plattformen gestaltet?
- Welche Rolle nehmen inhaltsbasierte und kollaborative Empfehlungssysteme im journalistischen Handeln ein?
- Wie gehen Redaktionen mit dem Konflikt zwischen ihrer journalistischen Autonomie und der Anpassung an die algorithmische Logik um?
Methodik
Um die genannten Forschungsfragen zu beantworten wird ein qualitativer Mixed-Method-Ansatz angewendet:
- Qualitative Inhaltsanalyse: Mittels einer inhaltsanalytischen Untersuchung ausgewählter klimajournalistischer Formate auf Instagram, TikTok und YouTube werden die Merkmale der Plattformisierung identifiziert und nachvollzogen.
- Redaktionsbeobachtungen: Die Beobachtung von ausgewählten Redaktionen dient dazu, Einblicke in den Umgang der Redaktionen mit Plattformlogiken zu gewinnen und zu erforschen, welchen Stellenwert diese algorithmisch berechneten Metriken in Redaktionsentscheidungen einnehmen.
- Semi-strukturierte Interviews: Mit teilstrukturierten Interviews wird erforscht, welches Verständnis von Metriken und algorithmischen Empfehlungssystemen der journalistischen Arbeit zugrunde liegt und welche Bedenken die Befragten hinsichtlich ihrer journalistischen Autonomie auf Plattformen haben.
Bisherige Schritte
Zunächst wurde eine qualitative Inhaltsanalyse der folgenden Formate auf den Plattformen Instagram, TikTok und YouTube durchgeführt: NowThisEarth (NowThis Media), Planet A (Deutsche Welle), klima:neutral (objektiv media in Kooperation mit der KLIMA ARENA Klimastiftung für Bürger), klima.taz (taz, die tageszeitung), klima.neutral (WDR) und 2050.magazin (Burda Verlag). Zusätzlich wurden Redaktionsbeobachtungen bei Planet A und klima.neutral durchgeführt. Abschließend fanden Befragungen von Redakteur:innen der genannten Redaktionen und weiteren Wissenschafts- und Klimajournalist:innen sowie Content Creators aus dem Bereich der Klimakommunikation statt.
Die Ergebnisse zeigen, dass die spezifischen Logiken der jeweiligen Plattformen Einfluss auf die Gestaltung und Dramaturgie der Beiträge ausüben, jedoch nicht auf die Themenauswahl. Über letzteres behalten Redaktionen ihre journalistische Hoheit. Die Dramaturgie betreffend bedeutet dies vor allem einen möglichst spannenden Einstieg in die Social-Media-Beiträge zu kreieren und besonders bei Videos eine hohe Dynamik mit viel visueller Abwechslung anzubieten beispielsweise durch Animationen oder nachgebaute Experimente, um klimawissenschaftliche Zusammenhänge zu erläutern.
Darüber hinaus lassen sich bestimmte Strategien identifizieren, mit denen Redaktionen versuchen, Klima-Inhalte möglichst erfolgreich auf den Plattformen zu platzieren, etwa durch die bewusste Vermeidung bestimmter Schlüsselwörter wie „Klima“. Eine befragte Person zieht dabei einen Vergleich zu dem Versuch von Eltern, die ihre Kinder dazu ermutigen, mehr Gemüse zu essen:
“There is this comparison that I like to use when you want a child to eat a broccoli. You don't just tell your child, this is broccoli. It's good for your health. Eat it. The child will say, no, no, go away with your broccoli, and you will have to play around and find your creative way to make your child eat that broccoli. So it's a similar thing that we do on our TikTok. While covering, we try to speak the language of the platform while talking about the topics that are not that typical for the platform“.
Insgesamt wählen Redaktionen Themen zwar nach journalistischen Kriterien aus, passen sich jedoch gleichzeitig den Logiken der Plattformen an. Durch Maßnahmen der Plattformen wie die algorithmische Drosselung politischer Inhalte auf Instagram sind Redaktionen ständig dabei, ihre redaktionellen Strategien neu auszubalancieren.
Ziel
Das Promotionsvorhaben leistet sowohl in wissenschaftlicher als auch in praktischer Hinsicht einen wichtigen Beitrag. In wissenschaftlicher Hinsicht erweitert es die Forschung zum Klimajournalismus, die bislang vor allem den Fokus auf lineare Medien wie Print und Fernsehen gelegt hat (Schäfer & Painter 2021). Das Themenfeld der Berichterstattung über den Klimawandel auf Social Media weist noch erhebliche Forschungslücken auf, die das Promotionsvorhaben zumindest teilweise zu schließen beabsichtigt.
Darüber hinaus sind die Ergebnisse auch für die journalistische Berufspraxis von Bedeutung: Es zeigt sich, dass Redaktionen die Relevanz des Klimawandels für ihre Berichterstattung zwar als hoch einstufen, jedoch eine zögerliche Auseinander-setzung mit dem Thema zu beobachten ist. Zudem gibt es Hinweise auf einen Backlash, wonach Klima und Nachhaltigkeit weniger präsent in der medialen Berichterstattung sind (Kokoschka 2025). Die Ergebnisse der Promotion können dazu beitragen, neue Formate und Ansätze für die Berichterstattung zu entwickeln, um sowohl Reichweite als auch die Wirkung der Klimaberichterstattung auf Social-Media-Plattformen zu erhöhen.
Literatur
Bonfadelli, Heinz; Schäfer, Mike S. (2017): Umwelt- und Klimawandelkommunikation. In: Bonfadelli H., Fähnrich B., Lüthje C., Milde J., Rhomberg M., Schäfer M. (Hrsg.) Forschungsfeld Wissenschaftskommunikation, Springer VS, Wiesbaden: 315-338.
Newman, Nic; Fletcher, Richard; Robertson; Craig T.; Arguedas, Amy Ross; Nielsen, Rasmus Kleis (2024): Reuters Institute Digital News Report 2024. Reuters Institute for the Study of Journalism, University of Oxford.
Eichler, Henning (2022): Journalismus in sozialen Netzwerken – ARD und ZDF im Bann der Algorithmen? Otto-Brenner-Stiftung, Frankfurt am Main.
Kokoschka, Vanessa (2025): Klimajournalismus auf Social Media. Ein plattformübergreifender Vergleich klimajournalistischer Formate für junge Zielgruppen auf Instagram, TikTok und YouTube. In: Kokoschka, Vanessa; Kosak, Stefan; Paganini, Claudia; Rademacher, Lars (Hrsg.): Nachhaltigkeit in der Medienkommunikation. Ethische Anforderungen und praktische Lösungsansätze, Nomos Verlag, Baden-Baden.
Lamot, Kenza; Paulussen, Steve (2020): Six uses of analytics: Digital editors’ perceptions of audience analytics in the newsroom. Journalism practice, vol. 14, no. 3: 358-373.
Lischka, Juliane A. (2021). Logics in social media news making: How social media editors marry the Facebook logic with journalistic standards. Journalism, vol. 22, no. 2, 430-447.
Schäfer, Mike S.; Painter, James (2021): Climate journalism in a changing media ecosystem: Assessing the production of climate change‐related news around the world. In: WIREs Clim Change 12 (1).